Was braucht es für die Gymiprüfung?

Ein persönlicher Erfahrungsbericht von Regina Hanslmayr

Büffeln, büffeln, büffeln…

Konjunktiv 2, 2 Person Plural von „kommen“. Ein passendes Adjektiv zum Substantiv „Urteil“. Bestimme die Wortart von „nichts“. Puh, ganz schön schwierig, oder? Ich liebe Sprache. Ich schreibe gerne, ich diskutiere gerne. Eigentlich dachte ich bis jetzt, ich wäre relativ firm in meiner Muttersprache. Aber seit ich aus Solidarität, und weil es mir Spass macht mit meinem 13-jährigen Sohn zu Übungszwecken alte Deutschprüfungen

für die Aufnahme in das Kurzzeitgymi löse, weiss ich, dass es mit meinen Grammatikkünsten nicht zum Besten steht.

Will ein Kind ans Gymnasium, braucht es die Unterstützung der Familie

In Mathe verstehe ich beim Lesen der Aufgaben nur Bahnhof, da muss mein Mann her. Damit ein Kind in Zürich aufs Gymi gehen kann, muss oft die ganze Familie ran und nicht selten noch zusätzliche Hilfe. In unserem Fall in Französisch, denn in diesem Fach sind weder ich noch mein Mann befähigt, Auskünfte zu geben. Ja, ich weiss, es heisst, das Kind muss es allein schaffen. Nur die hellsten Köpfe sollen aufs Gymnasium. Und weil ich Österreicherin bin und nicht weiss, wie Gymi in Zürich geht, habe ich auch auf die vorherrschende Meinung in unserem Quartier vertraut, als es um den Übertritt von der Primarschule aufs Langzeitgymnasium ging.

Der Tenor aus der Schule lautete, wer aufs Gymi gehen möchte, muss sich selber drum kümmern. Das ist auch legitim, wie ich später lernte, denn die Gymnasien gehören nicht zur Volksschule. Für mich alles Neuland. Wir gingen also an den Infoabend der Schule, die mein Sohn gewählt hatte, und erwarben einen Pin für die Anmeldung. Derweilen besuchte unser Bub die öffentliche Vorbereitung in unserem Schulkreis, die zentral geführt wird, damit alle Kinder die gleiche Vorbereitung erhalten und eine Chance haben, die Aufnahmeprüfung zu bestehen.

Keine Chance ohne Vorkurse

Wir haben also die Sache laufen lassen und uns nicht eingemischt, so wie man das von braven Eltern erwartet. Wir haben nicht einmal laut gesagt, dass wir möchten, dass unser Sohn aufs Gymi geht. Das gehört sich nicht in unserem Schulkreis.

Besser, du beginnst frühzeitig zu lernen.

Die ersten Probeprüfungen im Januar fielen miserabel aus. Derart unsanft wachgerüttelt wurde uns klar, dass unser Sohn mit seinem damaligen Wissensstand die Aufnahmeprüfung nicht schaffen würde. Was uns ehrlich gesagt erstaunte, da er im Semesterzeugnis der 6. Klasse je eine 5,5 in Deutsch und Mathe hatte. Mein Mann und ich versuchten zu retten, was zu retten war. Allein, es war zu spät. Der Rückstand war nicht mehr aufzuholen. Mit einer 4,34 verpasste er den Eintritt ins Gymnasium.

Der Fokus der Sekundarschule liegt auf der Lehrstellensuche

Also Sekundarschule. Eine in der Stufe A und B gemischt geführt werden. Weil mein Herz links schlägt und ich sowieso für eine Gesamtschule und gegen Elitenförderung bin, war ich Feuer und Flamme. Anfangs klappte auch alles sehr gut. Die Schule ist toll, das Klima entspannt, der soziale Zusammenhalt super und das Team engagiert und fähig, die Schüler*innen zu begeistern. Aber nach einem Jahr stand der Fokus ganz auf Lehrstellensuche und der Schulstoff geriet meiner persönlichen Meinung nach etwas ins Hintertreffen.

 Mein Sohn will aber keine Lehrstelle, er will aufs Gymnasium. Er langweilt sich zusehends in der Schule. Für ihn ist klar, diesmal will er den Übertritt schaffen. Für uns Eltern ist klar, wir unterstützen ihn, wo wir nur können. Darum entschieden wir uns dieses Mal für eine private Vorbereitung. Jeden Samstag morgen vier Stunden büffeln und dazu jede Menge Hausaufgaben.

Die Investition lohnt sich.

Aber die Investition lohnt sich. Während seine Klassenkolleg*innen zur ersten Lektion der von der Kreisschulbehörde organisierten Vorbereitung nach den Herbstferien gehen, hat er schon unzählige Gleichungen gelöst, die deutsche Grammatik repetiert und den Französisch Grundwortschatz aufgebessert. Sein Kurs hat bereits im August begonnen. Seit November löst er alte Mathe- und Deutschprüfungen. Er ist voll motiviert und lernt ohne Aufforderung; bittet uns um Hilfe, wenn er nicht mehr weiterweiss. Sicher, er wirft auch mal den Stift frustriert in die Ecke oder flucht, wenn eine Aufgabe einfach nicht gelingen will. Das darf er auch. Er ist 13 Jahre alt und steht unter enormen Druck.

Vorurteil: Eltern pushen ihre Kinder.

Oft wird uns Eltern vorgeworfen, wir würden unsere Kinder ans Gymi «prügeln», sie pushen. Diesem Vorurteil muss ich wiedersprechen! Nach allem, was ich in den letzten Monaten erlebt habe, glaube ich nicht, dass man ein Kind, das nicht selber genügend Motivation mitbringt, zu dieser Leistung zwingen kann. Vielmehr sind es die Kinder selber, die eine gymnasiale Matura anstreben, weil sie häufig schon ganz konkrete Berufswünsche haben, die eine solche erfordern. Unterstützen wir sie dabei!

Dieser Beitrag erschien in gekürzter Form erstmals im «Mamablog». Den Ausschlag, diesen persönlichen Text, der schon länger in meiner Schublade lag, zu veröffentlichen, gab ein Bericht über die Aufnahmequoten der Zürcher Gymnasien. Die Kantonsschule Zürich Nord (KZN) hat die höchste Durchfallquote beim Langzeitgymnasium.

Kommentar verfassen